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Zum Tod des emeritierten Papstes

Propstei Werl

Lars Anders Kardinal Arborelius OCD ist rmisch-katholischer Bischof von Stockholm, geb.1949. 2022 hat der Kardinal in Werl das Wallfahrtspatrozinium begleitet und war auch Gast  in der Propsteigemeinde. Zum Tod des emeritierten Papstes schreibt der schwedische Kardinal:

Kardinal Arborelius ber Papst Benedikt 

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, dauert es immer eine Weile, bis wir begreifen, dass wir ihn vielleicht nicht mehr wiedersehen - hier auf Erden. Wenn der Stellvertreter Christi auf der Erde stirbt, ist das nicht ganz dasselbe. Obwohl wir den Papst als Person lieben, lieben wir ihn in erster Linie als Trger des Petrusamtes, als Trger der christlichen Einheit. In dieser Sendung liegt immer eine Art eschatologischer Akzent: Obwohl die Einheit in ihm verkrpert ist, weist er immer ber sich selbst hinaus, auf den verherrlichten Christus, der in sich selbst alle eins machen will. Beim Papst zeigt alles weiter. Wir sind nicht so sehr mit seiner Person verbunden. Der Papst hat etwas Sakramentales an sich, das uns inmitten von Kummer und Leid Hoffnung und Freude schenkt. Wir knnen nicht wirklich trauern, denn wir vertrauen voll und ganz auf die Auferstehung Christi und seinen Sieg. Das ist es, was jeder Papst in allem, was er sagt und tut, uns, dem heiligen Volk Gottes, einflen will. Wie knnen wir dann weinen und trauern, als ob wir diese Hoffnung auf die Ewigkeit nicht htten?

Bei einigen Ppsten sehen wir mehr das Persnliche, bei anderen mehr ihr Amt. Das Besondere an Benedikt XVI. war - zumindest in meinen Augen -, dass seine Person und sein Amt so eng miteinander verwoben waren. Das erste Mal, dass ich ihn persnlich besuchen konnte, werde ich nie vergessen. Es war anlsslich einer ffentlichen Audienz auf dem Petersplatz, an der ich mit unseren Diakonen teilnahm. Wie blich saen wir Bischfe und andere, die das Privileg haben wrden, den Papst persnlich zu begren, zusammen und unterhielten uns miteinander. Ich erinnere mich noch, wie ich neben einem brasilianischen Benediktinerabt sa, der mir erzhlte, dass Knigin Silvia sein Kloster besucht hatte. Als ich an der Reihe war, den Papst zu begren, wusste ich nicht recht, wie ich mich umdrehen sollte, um ihm die Hand zu kssen, denn er stand auf. Als man aufstand, um Johannes Paul II. zu begren, war es viel einfacher: Er sa und man musste nur auf die Knie gehen und seine Hand kssen. Gerade die Art und Weise, wie Benedikt XVI. seine Bischfe empfing, war fr mich ein bezeichnendes Zeichen fr seinen Sinn fr Kollegialitt. Wir waren seine Bischfe. Er war eins mit uns. Gleichzeitig war seine Vorrangstellung gerade deshalb so klar und berzeugend. Ich wei nicht mehr genau, was er sagte, auer dass er sich Zeit nahm und sich fr Schweden interessierte. Was mich am meisten beeindruckt hat, war seine sanfte, bescheidene, ja fast schchterne Art, die sehr bewegend war. Das nchste Mal traf ich ihn bei einer Sonderaudienz fr uns im Ppstlichen Familienrat, und es war genauso bewegend, als er zu mir sagte: "Wir kennen uns ja schon".

Whrend der groen und feierlichen Abschlussmesse des Weltjugendtags in Sydney im Juli 2008 saen wir Bischfe hinter dem Papst, als er die Messe auf der groen Tribne der Rennbahn von Randwick feierte. Bei der abschlieenden Begrung in allen mglichen Sprachen hatte der Minister seine Papiere durcheinander gebracht, und dann hrte man ein kleines nervses Kichern. Zuerst dachte ich, es sei der Minister, der vor lauter Entsetzen kicherte - aber dann stellte ich fest, dass es der Papst selbst war. Fr mich war dieses kleine ppstliche Kichern immer Teil des Bildes von Benedikt, den manche zu Unrecht als Rottweiler des Glaubens bezeichnet haben. Es zeigt, dass selbst der Nachfolger von Petrus ein wenig verlegen sein kann.

ber die Bedeutung Benedikts XVI. fr die Kirche in einer Zeit, in der sie wie vielleicht nie zuvor von einer schleichenden Aushhlung der Substanz des Glaubens bedroht ist, wird viel geschrieben werden, und das zu Recht. Mit Scharfsinn und Klarheit konnte er den Relativismus analysieren, der sich in das Innere der Glubigen einzuschleichen drohte und damit ihre Beziehung zu Gott untergrub. Benedikt wollte keine Autorittsargumente verwenden, sondern uns sanft, aber mit gutem Grund davon berzeugen, dass wir nur in Christus die Wahrheit finden. Mit zrtlicher, vterlicher Hand hat er versucht, uns durch eine Zeit zu fhren, in der deutlicher denn je geworden ist, dass die Kirche keine Massenbewegung ist. Sicherlich war es Gottes Vorsehung, uns einen sanften und klaren Professor zu geben, um uns, dem kleinen Rest von Glubigen, die noch von ganzem Herzen als Katholiken leben, denken und handeln wollen, zu helfen, sicher durch die Wste zu gehen, in der wir leben. Wir knnten keinen zrtlicheren und zugleich scharfsinnigeren Hirten haben in der Zeit, in der wir leben.

Obwohl Benedikt durch und durch katholisch war, war er offen fr alles und jeden. Und das ist in der Tat das, was so ganz und gar katholisch ist: sowohl heilig zu sein in der berzeugung, dass Gott seiner heiligen katholischen Kirche die volle Wahrheit des Glaubens anvertraut hat - als auch darauf zu vertrauen, dass eben dieses Geschenk uns befhigt, etwas davon in den Glubigen anderer Religionen, denen wir begegnen, zu erkennen. Benedikt XVI. hat die Offenheit gegenber anderen Religionen, die Johannes Paul II. so deutlich hervorgehoben hat und die Papst Franziskus fortfhrt, sicherlich weitergefhrt.

Eine seiner strksten Aussagen, die mir im Gedchtnis geblieben ist, betrifft seine Sicht von Israel, das als leidender Knecht des Herrn durch die Geschichte gegangen ist. Denn Benedikt - oder besser gesagt Kardinal Ratzinger, denn er schrieb es schon damals - sagt, dass das Leiden, das das Volk Israel im Laufe der Geschichte ertragen hat, seine Art ist, die Eucharistie zusammen mit dem leidenden Diener des menschgewordenen Gottessohnes zu feiern. Im Messopfer nimmt Christus das ganze Leid seines Volkes auf sich und macht es zu einem Lobopfer fr seinen himmlischen Vater. Hier spren wir, wie der Junge, der einst in die Hitlerjugend hineingezogen wurde, im Gebet und in theologischer Reflexion mit dem Geheimnis menschlichen Leidens und menschlicher Schuld sowie mit der Beziehung zwischen dem Alten und dem Neuen Bund gerungen hat und schlielich in der Eucharistie Licht fand, um den tieferen Zusammenhang zu verstehen. In der Eucharistie mchte ich auch Benedikt XVI. und sein ganzes Leben und Werk der unendlichen Barmherzigkeit Gottes bergeben. Mge er in Frieden ruhen! Mge seine tiefe Einsicht in die Wahrheit des Glaubens uns in unserer Schwche strken.  Mge seine Bescheidenheit - und sein kleines Kichern - uns in unserer Niedergeschlagenheit aufmuntern und uns trsten, die wir nun um einen lieben Freund trauern, einen emeritierten Papst, der seinem Nachfolger treu zur Seite stand. +Anders Arborelius ocd (c mit Genehmigung des Autors)